Es ist zehn Uhr morgens, Schlinig im oberen Vinschgau. Nach drei Stunden Anreise sind wir in eine Welt aus Sonne und Schnee eingetaucht. Mit den Skiern an den Füßen führt uns der Weg geradeaus ins Tal hinein. Doch an dessen Ende ist Schluss: Die Schwarze Wand erhebt sich stolz über uns. Über ihr kreisen Vögel, ein gefrorener Wasserfall steht still da, der Wind bläst Schnee über die Kante. Wir sind im Hochgebirge angekommen.

Durch steile Spitzkehren führt die Aufstiegsspur rechts der Wand nach oben. Das Gelände ist steil, die Lawinenlage noch vom Wochenende angespannt. In großen Abständen queren wir oberhalb der Wand und gelangen zu dem Hochplateau, auf dem die Sesvenna-Hütte liegt.

Bei immer schlechter werdender Sicht machen wir uns auf den Weg zum Schadler, ein Gipfel nahe der Sesvenna-Scharte. Der Hüttenwirt, Andreas, hat ihn zuvor empfohlen, mit dem Hinweis, dass es bei dieser Lawinenlage nicht viele Möglichkeiten gibt.

Das Gelände ist nicht schwierig, lediglich die Sicht und die Höhenluft machen uns zu schaffen – in wenigen Stunden vom Flachland auf rund 3.000 m macht sich bemerkbar. In der Sesvenna-Scharte machen wir nur eine kurze Pause: Der Wind ist so stark, dass die Finger nach wenigen Augenblicken ohne Handschuhe schmerzen. Waren die Temperaturen im Tal noch angenehm, wird es auf einmal grimmig kalt. Handschuhe anziehen und weiter.

Der Weg bis zum Gipfel ist nicht mehr weit. Oben bietet sich ein wunderbarer Rundumblick auf unterschiedliche Formen von Nebel. Man könnte auf jedem Berg stehen. Deshalb halten wir uns nicht lange auf, essen und trinken etwas und fahren zur Hütte ab. Dank des andauernden Neuschneefälle Ende März – und der günstigen Ausrichtung der Route – gleiten wir durch tiefen Pulverschnee zur Hütte zurück.

Das Highlight unserer Tour ist der Piz Sesvenna. Wie auch schon die Route zum Schadler, führt der Weg zum Piz Sesvenna zunächst in die Sesvenna-Scharte. Von dort aus folgen einige hundert Meter Abfahrt in Richtung Sesvenna-Gletscher. Bei einem Wechsel aus Schneefall, Bewölkung und Sonnenschein steigen wir durch die verzaubert wirkende Landschaft über den Gletscher auf. Um die Gletscherzunge schmiegt sich ein weites Tal, dessen Unebenheiten durch eine dicke Schneeschicht unsichtbar geworden sind. Die Gruppe aus zwei Skitourengeher vor uns wirkt, eingebettet in diese Szenerie, unendlich klein.

Die Aufstiegsroute führt in einen Sattel links des Gipfels. Hier heißt es: Skier abschnallen, weiter geht’s zu Fuß. Mit Skistöcken und Skischuhen kraxeln wir eine Weile am Grat entlang. Immer wieder sinke ich tief im Schnee ein, sehe neben wir, wie losgetretener Schnee ins Tal stürzt. An einer senkrechten Kletterstelle (nicht hoch, nicht schwierig, aber ausgesetzt) verlassen mich die Nerven, ich kehre zum Skidepot um. Endlich: trinken, essen, die Sonne und den Ausblick genießen.

Eine Abfahrt durch unverspurte Hänge. Die ganze Gruppe hat ein breites Grinsen im Gesicht. Gegenanstieg zur Sesvennascharte (nervig), dann eine nicht enden wollende Abfahrt in Richtung Schlinig. Dort, wo wir beim Aufstieg die schwarze Wand querten, ist inzwischen eine Lawine abgegangen. Mit mulmigen Gefühl fahre ich durch den Lawinenkegel ab. Durch das Tal geht es nur noch bergab, mit einem Affenzahn fahren wir an erstaunten Spaziergängern in dicken Wintermänteln vorbei. Da ist sie wieder, die Zivilisation.